Augmented und Virtual Reality werden das Business verändern


Marcus Kühne (Strategy Lead Immersive Technologies AUDI AG) und Michael Robert Biber (ByteConsult-Geschäftsführung) über den Entwicklungsstand beider Technologien und den Nutzen von AR und VR für Unternehmen.

Ein Experten-Talk der ByteConsult GmbH

Über die Gesprächspartner


Marcus Kühne (MK) und Michael Robert Biber (MRB) gehörten einem Projektteam an, das einen VR-Fahrzeugkonfigurator für den Audi Vertrieb entwickelte.

Mit digitalen Technologien wie der VR-Brille können (Audi) Händler erstmals das gesamte Modellportfolio im Beratungsgespräch präsentieren – einschließlich sämtlicher Ausstattungsoptionen. Ausgehend von Audi City, dem digitalen Schauraum für Innenstadtlagen, bringt die Marke vielfältige digitale Lösungen für das Autohaus in die Märkte.

Mehr als 400 sogenannte „Customer Private Lounges“, digitalisierte Beratungs-Suiten, sind bereits im Einsatz, weitere Standorte folgen sukzessive. Die Audi VR experience ergänzt das Angebot für die Händler.

Mit der VR-Brille können Interessenten ihren individuellen Traumwagen konfigurieren und bis in das kleinste Detail nahezu lebensecht begutachten. Rechnerisch stehen mehrere hundert Millionen mögliche Modell- und Ausstattungsvarianten zur Auswahl.

Die VR-Anwendung lässt den Nutzer vollständig in die virtuelle Welt eintauchen und vermittelt ein besonders umfassendes, detailliertes Bild vor der Kaufentscheidung.

In unserem Experten-Talk erfahren Sie mehr über den Stand der Technik und die Potenziale für den Einsatz im unternehmerischen Kontext.

Anwendungen müssen unterhalten und Spaß machen

MRB: Augmented Reality-Anwendungen für Endkunden sind praktisch für Unternehmen – sie helfen Dinge besser zu verstehen oder leiten bestenfalls an, sie gleich selbst zu erledigen…

MK: Menschen waren bisher gewöhnt etwas greifbares wie eine Betriebsanleitung stets in Händen zu halten. AR bietet da ganz neue Möglichkeiten und ist vielseitig einsetzbar – zum Beispiel bei der Erstbeschäftigung mit einem Fahrzeug.

MRB: Was charakterisiert gute AR-Anwendungen für dich?

MK: Sie müssen unterhalten und Spaß machen, also genau das ermöglichen, was in einer Notsituation niemand sucht. Augmentiert werden sollte nur, was tatsächlich einen Mehrwert bietet. Die entscheidende Frage lautet: In welcher Situation macht die Anwendung Sinn? Ein Avatar, der Fahrzeug und Funktionen erklärt, hat zum Beispiel eine menschliche Komponente. Seinen Erläuterungen zu folgen ist sehr viel angenehmer, als in umfangreichen Handbüchern zu blättern.

MRB: AR-Anwendungen werden Handbücher vorerst nicht verdrängen können, sind aber auch keine Spielereien...

MK: Tablet- und screenbasiertes AR haben bereits einen gewissen Stellenwert erreicht. Noch größeres Potenzial sehe ich allerdings für AR-Brillen, mit denen sich unter anderem Premiumprodukte unterhaltsam erläutern lassen. Damit sie ihr Potenzial vollständig ausschöpfen können, müssen AR-Brillen allerdings erst zur selbstverständlichen privaten Kommunikationsinfrastruktur zählen. Es gibt durchaus Anzeichen dafür, dass es so kommt.

Premium-Marken sind Technologie-Pioniere

MRB: Würdest du AR-Anwendungen eher Branchengrößen im Premium-Segment oder auch kleineren Unternehmen empfehlen?

MK: Das hängt von den Rahmenbedingungen ab. Die industrielle Infrastruktur für AR entsteht gerade erst.

Erst wenn ein gewisser Reifegrad erreicht ist, werden sich auch kleinere Unternehmen eine Umsetzung von AR-Anwendungen wie Bedienungsanleitungen oder Marketing-Applikationen leisten können.

Unternehmen erhalten damit die Möglichkeit, sich von Mitbewerbern zu differenzieren. Langfristig betrachtet ist dies eine Notwendigkeit, um im Wettbewerb zu bestehen.

MRB: Wir haben bisher über Anwendungen vor Kunde gesprochen. Welche Vorteile bieten nach innen gerichtete Lösungen?

Augmentierte Technologie und auch VR werden richtig interessant, wenn sie werthaltig in die Entwicklungs- und Geschäftsprozesse eingreifen – also in Entwicklung, Logistik, Kommunikation und CRM. Ich meine damit den direkten Austausch, der face-to-face stattfindet.

Wenn ich auf diese Art zum Beispiel ein Produktgespräch führen kann, entsteht ein großer Mehrwert.

MRB: VR-Anwendungen werden auch Marketing und Vertrieb neue Chancen eröffnen…

Die Investitionskosten sind anfangs hoch

MK: Ich sehe hier großes Potenzial. Wenn die Bedeutung von VR weiter steigen sollte – und es gibt große Unternehmen, die viel Geld investieren – ist es ein immenser Vorteil, sich ebenfalls früh mit der Technologie und ihrer Entwicklung zu beschäftigen.

So lassen sich unternehmensinterne Prozesse und Strukturen vorbereitend gestalten, um Anwendungen zum richtigen Zeitpunkt einsetzen zu können.

Bei Audi haben wir es ähnlich gemacht: Einblicke gewinnen und notwendige Netzwerke in einer frühen Phase aufbauen, in der die Branche noch sehr familiär und übersichtlich war.

MRB: Entwicklungen sind meist mit hohen Kosten verbunden, zumal es derzeit kaum Frameworks gibt – also Programmiergerüste, mit denen sich Anwendungen erstellen lassen…

MK: Das ist ein wichtiger Aspekt: Mit den digitalen Anwendungen investiert man in die Zukunft. Folgekosten werden dank der gesammelten Erfahrungen deutlich geringer ausfallen. Auch Soft-Benefits sollte man nicht außer Acht lassen: zum Beispiel die Überraschung.

Wann gelingt es schon, digital saturierte Menschen zu begeistern? Beim Einsatz von VR habe ich gestandene Managerinnen und Manager erlebt, die mit kindlicher Freude alles um sich herum vergessen haben. Das passiert nur, wenn Content und Technologie stimmen – es muss immer beides sein. 

VR-Meetings werden sich durchsetzen

So kann man Menschen erreichen, ihnen Momente schenken, an die sie sich erinnern und hoffentlich auch mit der Firma verbinden, die ihnen dieses Erlebnis ermöglicht hat.

MRB: Die Entwicklung von AR- und VR-Anwendungen ist längst nicht abgeschlossen. Dennoch üben sie schon jetzt eine gewaltige Faszination aus…

MK: Beide Technologien, insbesondere VR, können zwar nur einen begrenzten Ausschnitt der Realität abbilden und auf absehbare Zeit nicht zu 100 Prozent die Authentizität eines realen Erlebnisses vermitteln.

Wenn es jedoch gelingt, Dinge darzustellen, die in der Realität nicht funktionieren und über das Erwartete hinausgehen, schaffe ich gegenüber der Realität einen Mehrwert.

Und genau darauf kommt es an: Der Mehrwehrt kompensiert die Abweichung. Das geschieht zum Beispiel bei einem Blick in ein Auto über einen X-Ray-View oder die Darstellung des Fahrzeugs in einer fantastischen Umgebung.

Ein anderes Beispiel: Ich persönlich glaube, dass sich VR-Meetings durchsetzen werden. Mimik und Gestik sind jedoch noch nicht zu 100 Prozent realitätsgetreu abbildbar.

Mehr als kompensieren lässt sich dieser vermeintliche Nachteil jedoch durch die Möglichkeit, Teilnehmer an unterschiedliche Orte zu beamen. Denn ich schaffe nicht nur einen Ersatz für das reale Erlebnis, ich gehe darüber hinaus.

MRB: Es braucht nicht viel Phantasie, um solche Szenarien zu entwickeln …

Auch kleinere Unternehmen können profitieren

Alles ist möglich, wenn man sich von alten Denkmustern löst. Zurzeit stehen wir mit der ersten Gerätegeneration inklusive ihrer Einschränkungen sowie der ersten Content-Generation noch am Anfang.

Zunächst wurde lediglich für Bildschirme entwickelter Content auf VR übertragen – jetzt müssen die Entwickler erkunden, was darüber hinaus möglich ist. Das gilt für Spiele, Industrie und Marketing.

MRB: Ich sehe kleinere Unternehmen in einer gewissen Bredouille. Sie sollten rechtzeitig handeln, um Anschluss zu halten. Wenn sie es tun, treten sie mit einer noch nicht vollständig ausgereiften Technologie vor Kunde auf …

MK: Auf interne Prozesse bezogen kommt der Einstieg nie zu früh. Man sollte es eigentlich schon getan haben oder spätestens jetzt damit beginnen. Kunden erwarten dagegen Perfektion. Deshalb gilt es abzuwägen, ob es der Innovationscharakter einer Anwendung rechtfertigt, vorläufig nicht mit hundertprozentiger Qualität aufzuwarten.

MRB: Welche Erfahrungen habt ihr bei Audi gemacht, wie reagieren die Kunden denn?

MK: Wir haben über mehrere Jahre intensiv an der visuellen Qualitätsverbesserung gearbeitet. Der Kunde kann sich alternativ zur Brille auch seine Konfiguration auf dem Screen ansehen. Wir erleben eine große Begeisterung, die Kunden tauchen in die virtuelle Welt ein und sehen sich gerne das Auto mit verschiedensten Sonderausstattungen und in verschiedenen Umgebungen an.

Professionelle Partner sind Gold wert


Ganz wichtig ist übrigens auch, das Auftreten von Übelkeit während des VR-Erlebnisses zu vermeiden. Viele kleinere Dienstleister haben bisher noch nicht genügend Erfahrung gesammelt, um diese Motion-Sickness zu verhindern. Gelingt dies nicht, schaden Anwendungen eher, als dass sie Begeisterung erzeugen.

MRB: VR- und auch AR-Anwendungen sind nach meiner Einschätzung ein Spitzentrainingswerkzeug, zum Beispiel für Mitarbeiterschulungen im Arbeitsschutz oder beim Umstellen einer Produktionsstraße auf ein neues Produkt…

MK: Das kann man durchaus hervorheben. Seit der Kindheit ist unser Lernen geprägt durch Sehen, Erleben, Beobachten. So gesehen drängen sich VR und AR für Weiterbildung und Schulungen geradezu auf.

Hier bieten sich sogar Kooperationen zwischen Unternehmen an, um gemeinsam Trainings-Tools zu entwickeln. Ein weiterer positiver Effekt des Einsatzes von AR und VR ist die Mitarbeiterbindung.

Ein weiterer positiver Effekt des Einsatzes von AR und VR ist die Mitarbeiterbindung. Er signalisiert Fortschritt und vermittelt Mitarbeitern die Sicherheit, in einem modernen, progressiven Unternehmen zu arbeiten. Wer interessierten Mitarbeitern die Teilnahme an Treffen der VR-Meetup-Szene ermöglicht, motiviert zusätzlich und profitiert selbst durch den Aufbau eines Netzwerks in diesem Bereich.

MRB: Lohnt sich der Einsatz von AR und VR für Unternehmen des B2C- und B2B-Segments gleichermaßen?

MK: Das hängt auch hier vom Unternehmen ab. Bei aufwendigen Produktentwicklungsprozessen oder mehreren Standorten sehe ich für B2B-Unternehmen noch mehr Potenzial als für das B2C-Segment. Wer VR und AR in seine Prozesse einbindet, sichert sich einen erheblichen Wettbewerbsvorteil, was sich unter anderem in der Kostenstruktur auswirkt, bei Innovationen – im Grunde in vielerlei Hinsicht.

Einem weltweit agierenden Unternehmen wird es nach meiner Einschätzung gelingen, Reisekosten signifikant zu senken. Aber auch bei Präsentationen oder für die Darstellung von Konzepten ergeben sich neue Möglichkeiten.

MRB: Ein Tipp von dir: Wie sollten sich Unternehmen AR und VR nähern, die damit bisher nicht in Berührung gekommen sind?

MK: Man braucht Partner, die in der Konzeptarbeit stark sind, die wissen, wie Menschen mit dem Medium interagieren können sowie Kompetenz bei der Umsetzung. Diesen Herausforderungen werden vor allem interdisziplinärer Teams gerecht. Es macht auch Sinn, sich zusätzlich externes Know-how ins Haus zu holen, Netzwerke aufzubauen und privat engagierte Mitarbeiter einzubinden.

Wer einem flexiblen Content-Konzept folgt, kann sowohl VR- als auch AR-Anwendungen realisieren – beide Anwendungen müssen nicht unbedingt miteinander konkurrieren.

Der Artikel ist erstmalig beim B2B-Portal Marconomy erschienen.
Bildmaterial: Audi und Shutterstock.com

© Copyright 2018 – Urheberrechtshinweis

Inhalte dieses Artikels, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Das Urheberrecht liegt, soweit nicht ausdrücklich anders gekennzeichnet, bei ByteConsult GmbH. Bitte fragen Sie uns, falls Sie die Inhalte dieses Internetangebotes verwenden möchten.

Zurück